Pädagogik

Vereinigung der Waldorfkindergärten e. V. Landesregion Bayern

Entwurf/Arbeitshilfe zum Umgang mit dem Thema
“Partizipation im Waldorfkindergarten und Waldorfkrippe“

Gesetzliche Grundlage, Rechtlicher und politischer Hintergrund:

  • Nach § 45 Abs.: 2 S.2 Nr. 3 SGB VIII (Sozialgesetzbuch) in der Fassung vom 22.09.2011 sind Träger dahingehend nachweispflichtig, dass die  Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung durch die Anwendung geeigneter Verfahren der Beteiligung sowie der Möglichkeit der Beschwerde in persönlichen Angelegenheiten gesichert sind. Zur Überprüfung dieser Voraussetzung haben Träger von Einrichtungen mit dem Antrag auf Betriebserlaubnis eine pädagogische Konzeption vorzulegen, die Auskunft über Maßnahmen der Qualitätsentwicklung und –sicherung gibt.

  • Art. 12 UN-Kinderrechtskonvention: „Kinder haben das Recht, an allen sie betreffenden Entscheidungen entsprechend ihrem Entwicklungsstand beteiligt zu werden. Es ist zugleich ein Recht, sich nicht zu beteiligen. Dieser Freiwilligkeit seitens der Kinder, ihr Recht auszuüben, steht jedoch die Verpflichtung der Erwachsenen gegenüber, Kinder zu beteiligen, ihr Interesse für Beteiligung zu wecken.“

  • BayKiBiG Art.10 Abs. 2: „Die Kinder sollen angemessen an Entscheidungen zum Einrichtungsalltag und  zur Gestaltung der Einrichtung beteiligt werden.“

  • BayKiBiG § 1 Abs. 1, Satz 1 AV BayKiBiG: „Das Kind gestaltet entsprechend seinem Entwicklungsstand seine Bildung von Anfang an aktiv mit.“

Grundsätzliches

Die UN-Kinderrechtskonvention beschreibt das Recht der Kinder auf Beteiligung, Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitbestimmung an „allen sie betreffenden Entscheidungen“. Diese Möglichkeit der Partizipation soll ihnen gemäß ihrem Entwicklungsstand gewährt werden. Die konkrete Umsetzung dieser Konvention setzt also eine fundierte Kenntnis über die Entwicklungsgesetze der Kinder im Allgemeinen wie auch im Einzelfall voraus. In den Überlegungen zur Umsetzung wird sich immer widerspiegeln, nach welchem pädagogischen Konzept eine Einrichtung arbeitet. In unseren Einrichtungen arbeiten wir auf der Grundlage des Menschenbildes der Waldorfpädagogik, welches auf der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners basiert. Ziel dieser Pädagogik ist eine Erziehung zur Freiheit. Um dies gewährleisten zu können, orientiert sich die Waldorfpädagogik an den Entwicklungsgesetzen und am Wesen des Kindes.

Ein Schwerpunkt der Waldorfpädagogik liegt im Beziehungs- und Bindungsaufbau zum Kind und dessen familiären Umfeld. Feste BezugserzieherInnen und geschlossene Gruppen sind deshalb ein wichtiger Bestandteil der Pädagogik. Das pädagogische Grundprinzip ist Vorbild und Nachahmung, wobei Nachahmung als ein intentional kreativer Akt, der von jedem Kind individuell gestaltet und ergriffen wird, verstanden wird.

Der pädagogische Alltag in der Waldorfkrippe und im Waldorfkindergarten ist explizit auf die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Gestaltungsfähigkeit und Selbstkompetenz der Kinder ausgerichtet (nachvollziehbare Handlungsabläufe, Möglichkeiten an den Tätigkeiten der Erwachsenen teilzuhaben, freilassende Spielsituationen und Spielsachen,…). In der Förderung von Selbstkompetenz durch das Erleben einer festen Bezugsperson einerseits und die große Bandbreite der Tätigkeiten und Erfahrungsmöglichkeiten für die Kinder andererseits ist die Waldorfpädagogik bemüht, die Grundlage für ein soziales und achtungsvolles Miteinander zu legen.

Um den Grundbedürfnissen des Kindes im ersten Jahrsiebt nach Sinnhaftigkeit, Handhabbarkeit und Verstehbarkeit seiner Umwelt gerecht werden zu können, hat jeder Waldorfkindergarten und jede Waldorfkrippe ein entsprechendes Konzept erstellt. 

Die Umsetzung der UN-Konvention muss also differenziert betrachtet werden. Folgende Aspekte sollen zur Orientierung dienen.

Kinderkrippe:

Achtsamkeit und Respekt im Umgang mit den kleinen Kindern, vor allen Dingen in Pflegesituationen sind hier von besonderer Bedeutung. Dazu gehört, die Körpersignale und -sprache der Kinder zu verstehen und achten. „Ob die Teilnahme des Babys an dem, was mit ihm geschieht, eine harmonische Kooperation ist oder eine Schutzreaktion gegen etwas Unangenehmes, gegen das es sich wehren mag, hängt sehr eng damit zusammen, wie weit der Erwachsene mit dem Baby als einem fühlenden Gegenüber rechnet und ob er ihm immer Raum zur Teilnahme gibt oder ob er die Pflegeaktivitäten stattdessen ohne sein Mitwirken und manchmal sogar gegen den Willen des Kindes durchsetzt.“ In den Ausführungen der Landesjugendämter wird in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung der Achtsamkeit in der Pflege und im päd. Alltag verwiesen:„Kinder von Anfang an zu beteiligen bedeutet auch, deren Kompetenzen in Rechnung zu stellen und Botschaften wahrzunehmen, nachzufragen, anzubieten und Entscheidungen zu respektieren, wo immer es nicht mit offensichtlichen Gefährdungen kollidiert.“

In den speziellen Fort- und Weiterbildungen zur Kleinkindpädagogik in der Waldorfkindergartenvereinigung werden die Krippenerzieherinnen gerade darin geschult, die Kinder möglichst eigenständig und unter Berücksichtigung der Selbstwirksamkeit sich und ihre Umwelt entdecken zu lassen und sie dabei zu begleiten. 

Gründliche Beobachtung und Dokumentation sowie der kollegiale Austausch sind ein wichtiges Instrument, um die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen, wahrzunehmen und zu respektieren. Dazu gehören auch regelmäßige Gespräche mit den Eltern.

Strukturelle Aspekte:

Strukturelle Absicherung von Partizipationsrechten:


Wenn wir Partizipation als gemeinsame Entwicklungsaufgabe verstehen, muss hier der Blick sowohl auf die Kinder wie auf die Eltern und KollegInnen gerichtet werden. Auf der Ebene der Struktur sind regelmäßige Konferenzen, Transparenz und kollegialer Austausch, eventuell auch die kollegiale Führung in Bereichen des Kindergartens Elemente der Partizipation. In den meisten Waldorfkindergärten sind die Eltern in einem freien Trägerverein der Einrichtung organisiert. Die enge Zusammenarbeit zwischen Kollegium, Eltern, Elternbeirat und Vorstand des Vereins bietet ein hohes Maß an Möglichkeiten der Beteiligung, Mitentscheidung und Mitgestaltung aller Beteiligten.
Die Kinder erleben hier idealerweise vorgelebte Partizipation:


  • Elternbeteiligung: Sowohl in der Mitarbeit im Vorstand, im Elternbeirat, in verschiedenen Arbeitskreisen,  wie auch auf den regelmäßig stattfindenden Elternabenden haben die Eltern ausreichend Möglichkeit, sich in den Kindergarten einzubringen.

  • Elterngespräche: Auch die regelmäßig stattfindenden Entwicklungs-, und Elterngespräche dienen der gegenseitigen Wahrnehmung und dem Austausch über die Persönlichkeit, die Entwicklung, die Situation des Kindes in Kindergarten und Elternhaus. Bedürfnisse und evtl. Nöte, die das Kind formuliert können hier besprochen werden. 

  • Beschwerdemanagement: Jeder Waldorfkindergarten und –krippe sollte ein Konzept für den Umgang mit Beschwerden von Seiten der Eltern haben. Dem Elternbeirat kommt hier eine vermittelnde Aufgabe zu. In den jährlich stattfindenden Elternbefragungen sollte die Möglichkeit zur Äußerung über strukturelle sowie pädagogische Aspekte gegeben sein. 

Beschwerden von Seiten der Kinder kommen in der Regel aus einer bestimmten Situation heraus und äußern sich sehr individuell. Hier kommt der Aufmerksamkeit der Erzieherin Bedeutung zu. Die Pädagoginnen müssen dafür Sorge tragen, dass sie eine Wahrnehmung jedes einzelnen Kindes hat und dieses auch eine Möglichkeit hat, sich zu äußern. 


Regelmäßige Kinderkonferenzen und Kinderbesprechungen, in denen die Kolleginnen ausführlich die körperlichen, seelischen und geistig-kognitiven Aspekte der Entwicklung und des Wesens eines einzelnen Kindes besprechen und bewegen, sind ein weiteres Instrument, um über die Befindlichkeit und die individuellen Bedürfnisse eines Kindes ein Bewusstsein zu haben.

Rolle der ErzieherInnen:


In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass die Umsetzung der Partizipation entsprechende methodische Kompetenzen voraussetzt. Hansen, Knauer und Sturzenhecker führen Aspekte auf, die für die Umsetzung von Partizipation von Bedeutung sind. Diese Aspekten können  in Bezug zur Waldorfpädagogik gesetzt werden:

  • Dialogfähigkeit: Die Pflege der Sprache und der Sprachkultur ist ein wesentlicher Bestandteil der Waldorfpädagogik. 

  • Eigene Position deutlich machen können: In allen pädagogischen Situationen ist Authentizität in der Sprache, im Auftreten und Handeln eine unabdingbare Voraussetzung. Nur dadurch erhalten die Kinder Sicherheit und können das Verhalten der Erzieherin einschätzen und nachvollziehen. Selbsterziehung und Fortbildung sind  deshalb in der Waldorfpädagogik für die Erzieherinnen unabdingbar. 

  • Konfliktkultur: Die Kinder in ihren Konflikten und Auseinandersetzungen zu begleiten, nicht die Konflikte für sie zu lösen. Die Rolle als Vorbild im Umgang mit schwierigen Situationen und Konflikten spielt hier eine große Rolle. 

  • Methodensicherheit (Partizipationsmethoden): Die Methode der Kinderkonferenz, wie sie in den Modellprojekten praktiziert wird, ist, meiner Meinung nach, mit den Grundprinzipien der Waldorfpädagogik nur sehr schwer zu vereinbaren. Der pädagogische Ansatz von Vorbild und freier Nachahmung ermöglicht es dem Kind, sich auf seine individuelle Art und Geschwindigkeit in den päd. Alltag einzubringen. Eine genaue und gezielte Beobachtung und Dokumentation der Kinder, ihres Verhaltens und ihrer Bedürfnisse, Kompetenzen und Entwicklung ist unabdingbar, um mit unserem Angebot den Kindern gerecht zu werden. Die jeweiligen Angebote sind auf die Kinder abzustimmen und auf die Signale der Kinder zu achten. Wo es möglich und mit der Waldorfpädagogik vereinbar ist, sollte den Kindern die Möglichkeit gegeben werden, sich aktiv in das Geschehen einzubringen.

  • Eingrenzung und Klarheit bzgl. der Entscheidungen: Klarheit und Nachvollziehbarkeit sind auch hier von Bedeutung. Im Waldorfkindergarten sind die Abläufe, Gewohnheiten und Rituale während des Tagesablaufs für die Kinder nachvollziehbar und überschaubar. Somit kann sich das Kind mit einer inneren Sicherheit durch den Tag bewegen. Durch das Miteinbeziehen der Kinder z.B. in die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten erleben sie sich als Gestaltende. 

Schlussbemerkung:

Als entscheidender Beitrag zur Partizipations- und Demokratiefähigkeit der Kinder halte ich, dass wir jedem einzelnen Kind mit Achtung und Respekt gegenübertreten. Während ihrer Zeit in Krippe und Kindergarten sollten die Kinder die Möglichkeit haben, sich gemäß ihrer Individualität und ihren Impulsen zu entwickeln. Eine vertrauensvolle Umgebung, in der nicht über die Bedürfnisse der Kinder hinweggegangen wird, und ein reiches Erfahrungs- und Betätigungsfeld sind dabei wichtige Faktoren für die Entwicklung einer selbstständigen Persönlichkeit.

Ein Ergebnis des Modellprojektes „Die Kinderstube der Demokratie“war unter anderem die zentrale Erkenntnis: Partizipation beginnt in den Köpfen von Erwachsenen. Das heißt, es kommt vor allen Dingen auf unsere innere Haltung dem Kind gegenüber an, ob wir es in seiner Eigenheit und Persönlichkeit achten und Empathiefähigkeit entwickelt haben. Weiter wird betont, dass es von Bedeutung für das Gelingen der Partizipation ist, dass sich die ErzieherInnen nur die Bereiche und Angelegenheiten zur Partizipation wählen, bei denen sie von sich aus die Mitbestimmung der Kinder bejahen. Die UN-Kinderrechtskonvention ist ein wichtiger Impuls zur ständigen Weiterentwicklung und Reflexion, um zu verhindern, dass wir „Programme“ über die Köpfe der Kinder hinweg durchziehen. Die Waldorfpädagogik „erfindet keine Programme, sie liest ab aus dem, was ist.(…) Nicht Forderungen und Programme sollen aufgestellt, sondern die Kindesnatur soll einfach beschrieben werden. Aus dem Wesen des werdenden Menschen heraus werden sich wie von selbst die Gesichtspunkte für die Erziehung geben.“

Susanne Altenried, Januar 2014
Geschäftsausschuss Bayern, Fachberatung

Literatur weiterführende Informationen:

(leider gibt es noch keine Unterlagen aus waldorfpädagogischer Sicht; Stand der Eintragungen: Januar 2014)


Qualitätsstandards für Beteiligung von Kindern und Jugendlichen .Hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • R. Hansen, R. Knauer, B. Sturzenhecker (Hrsg.):Die Kinderstube der Demokratie. Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Kiel 2004
  • R. Hansen, R. Knauer, B. Sturzenhecker :Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern! Weimar/Berlin 2011
  • G. Schäfer (Hrsg.): Bildung beginnt mit der Geburt. Förderung von Bildungsprozessen in den ersten sechs Lebensjahren. Weinheim/Berlin/Basel 2003

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